Interview mit Heinz Buse

OSTFRIESEN-ZEITUNG, SEITE 16, DONNERSTAG, DEN 23. DEZEMBER 2010

INTERVIEW Leer: Heinz Buse über sein Verladesystem für Laster – Anfragen kommen aus ganz Europa

Jahrelang haben der Chef von Logaer Maschinenbau und seine Mitarbeiter an der Entwicklung gefeilt. Die Mühe hat sich offenbar gelohnt: Inzwischen schlagen die ersten Kunden zu.
VON JOCHEN BRANDT

 

 

OZ: Herr Buse, Sie haben ein System entwickelt, mit dem sich Lastwagen schneller und damit kostensparender be- und entladen lassen. Wie kommt ein Maschinenbauer auf die Idee, in die Logistik-Branche einzusteigen?

HEINZ BUSE: Das hat sich eben aus unserer Arbeit als Maschinenbauer ergeben. Bis vor fünf Jahren waren wir sehr aktiv im Sondermaschinen-Bau – für Volkswagen beispielsweise, für Enercon in Aurich, auch für die MeyerWerft in Papenburg. Und für die Meyer-Werft sollten wir ein Schwerlast-Regal umbauen. Im Zuge des Auftrags bin ich dann auf die Idee mit der Ladeplattform gekommen ...

OZ: Sie wussten da schon, dass es Optimierungsbedarf beim Be- und Entladen von Lastwagen gibt?

BUSE: Nein, zunächst einmal ging es um die Meyer-Werft und um unser eigenes Unternehmen.
Die Frage lautete: Wie können wir in unserem Betrieb lange Güter – Rohre oder Stahlträger beispielsweise – besser einlagern und hin und her transportieren? Auch die Meyer-Werft brauchte dafür eine Lösung.

OZ: Und nach dem Meyer- Auftrag haben Sie damit begonnen, an Ihrer Idee zu feilen?

BUSE: Richtig. Ich habe mir das Lager von Aldi in Hesel angesehen und beobachtet,wie dort gearbeitet wird. Mir fiel auf: Ein Arbeitsschritt wird doppelt gemacht. Die Transport-Ware wird bereitgestellt, und dann nimmt der Lastwagen-Fahrer die einzelnen Stücke und lädt sie ein. Ich habe mich gefragt, warum man die Ware nicht in einem Schwung im Lkw verstaut. Alles, was man dafür brauchte, war ein Ladungsträger – und ein System, mit dem man ihn automatisch auf den Wagen lädt.

OZ: Und das spart Zeit.

BUSE: Mindestens eine halbe Stunde pro Ladevorgang.

OZ: So lassen sich Kosten drücken: Firmen, die Waren mit Lastwagen transportieren, müssen Ihnen die Erfindung aus den Händen reißen.

BUSE: Ganz so einfach ist es nicht. Bei neuen Entwicklungen braucht man immer jemanden, der voranmarschiert. In unserem Fall waren das Edeka und Bünting.
Die haben Mut bewiesen ...

OZ: ... und Testanlagen aufgebaut

BUSE: Stimmt. Seit einem Jahr läuft der Betrieb – und sowohl Bünting als auch Edeka sind sehr zufrieden. Und Bünting hat jetzt eine ausgefeiltere Anlage samt
Hochregal für sein Lager in Nortmoor bestellt. Davor habe ich Respekt, denn um die größere Variante unseres Systems zu nutzen, müssen die Kunden im Zweifel darauf abgestimmte Hallen bauen. Die Investitionen sind nicht ohne. Die kleinere Variante lässt sich überall installieren. Auch Lidl hat bei uns bestellt.

OZ: Und wie machen Sie auf Ihre Entwicklung aufmerksam?

BUSE: Wir waren beispielsweise im September auf der IAA Nutzfahrzeuge.

OZ: Einem Ableger der Internationalen Automobil-Ausstellung, der in Hannover über die Bühne ging.

BUSE: Genau, und dort haben wir unsere Systeme im Modell und mit Filmen vorgestellt. Seitdem haben wir Anfragen aus ganz Europa – und sogar aus Mexiko. Außerdem haben wir jetzt gerade mit einem großen Lebensmittelhersteller, der in ganz Europa aktiv ist, einen Rahmenvertrag geschlossen. Er hat für 55 Millionen Euro unsere Systeme für seine Fabriken bestellt. Dafür werden 180 Lastwagen umgebaut, das gesamte Projekt läuft bis zum Jahr 2018. Für uns ist das gigantisch.

OZ: Die Entwicklungsarbeit hat sich gelohnt?

BUSE: Ich gehe davon aus. Und es ist eine Menge Arbeit, so eine System bis zur Marktreife zu bringen. Die reine Idee macht vielleicht 20 Prozent aus. Dann muss man so lange arbeiten, bis alles perfekt funktioniert. Einen wichtigen Anteil hat aber auch die Vermarktung. Das darf man nicht unterschätzen. Die Vermarktung kostet eine Menge Energie.

OZ: Sie haben längst eine Tochterfirma für das Verladesystem gegründet. Wie viele Beschäftigte hat die Complete Logistics Systems international GmbH?

BUSE: Es sind fünf, und sie kümmern sich um das Marketing und den Vertrieb.

OZ: Das heißt, die Anlagen selbst werden von Ihrem Stamm-Betrieb Logaer Maschinenbau gefertigt?

BUSE: Stimmt.

OZ: Wie viel Potenzial hat Ihre Entwicklung?

BUSE: Das kann ich vielleicht in einem Jahr beantworten. Aber ich denke schon, dass man die Plattform etablieren kann. Irgendwann wurden ja auch der See-Container erfunden.

OZ: Das war in den 50er Jahren, als der amerikanische Spediteur und spätere Reeder Malcom McLean die Boxen in Standardgröße entwickelte, die auf Schiffe, Züge und Lastwagen gleichermaßen passten. Auch McLean hatte sich über unnötigen Zeitverlust beim Be- und Entladen geärgert. Seine Erfindung hat die Welt revolutioniert.

BUSE: Er hat mit einer Blechkiste angefangen, die zunächst niemand haben wollte (lacht). Ob man bei unserer Entwicklung einen ähnlichen Erfolg erwarten kann,
da bin ich eher skeptisch. Ich bin kein Träumer, aber ich denke schon, dass wir rund 100 Anlagen im Jahr verkaufen können.

OZ: Das entspräche einem jährlichen Umsatz von . . .

BUSE: . . . vielleicht 70 bis 100 Millionen Euro.

OZ: Das ist eine Hausnummer.

BUSE: Aber sie ist eben noch nicht sicher. Manche Dinge lassen sich schlecht vorhersehen. Als wir 1986 damit begannen, Bauteile für die Windkraft-Anlagen von

Aloys Wobben und seine Firma Enercon zu fertigen, ging es vielleicht um eine Maschine im Monat. Heute sind es mindestens 30 pro Woche. Auch damit hat niemand gerechnet.Es gehört auch Mut dazu.

OZ: Und Geduld?
 
BUSE: Ja, man muss von seiner Entwicklung überzeugt sein und Durchhaltevermögen an den Tag legen – auch in finanzieller Hinsicht. Und ohne gute Mitarbeiter geht ohnehin gar nichts.

OZ: Wie viel haben Sie in die Entwicklung der Plattform samt der verschiedenen Verladestationen investiert?

BUSE: Im Laufe der Jahre ist ein Millionenbetrag zusammengekommen.

OZ: Und die Arbeit an dem Logistik-Projekt macht auch nach fünf Jahren noch Spaß?

BUSE: Natürlich. Das ist eine wahnsinnig spannende Zeit für uns. Es gibt Höhepunkte im Leben eines Unternehmers – und das ist bestimmt einer davon. Denn wir merken,dass es vorwärtsgeht.

Das Ladesystem und der Interviewpartner

Complete Logistics Systems international GmbH (Complete Logistics Systems international) – eine Tochterfirma der Logaer Maschinenbau GmbH mit Sitz in Leer – hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das Be- und Entladen von Lastwagen automatisieren und damit erheblich beschleunigen lässt. Das Verfahren trägt den Namen Logispeed.

Grundstein der Entwicklung ist ein spezieller Ladungsträger: eine flache Alu-Konstruktion, auf Rollen gelagert, die sich passgenau auf die Ladefläche eines Lkw schieben und dort befestigen lässt. Die Plattform kann im Lager mit Waren bestückt und dann am Stück auf den Lastwagen geschoben werden. „Der Ladevorgang eines Standardaufliegers mit 33 Europaletten dauert in der Regel 45 bis 60 Minuten“, schreibt Complete Logistics Systems international. Mit dem neuen Verfahren ließe sich mindestens eine halbe Stunde einsparen.

Um die Plattform auf die Lastwagen zu bekommen, hat Complete Logistics Systems international zwei Systeme entwickelt. Bei der einfacheren Variante wird eine Anlage an die Laderampen der Lager montiert, die dann die Plattform auf den Lkw schiebt. Dafür sei kein kostenintensiver Umbau der Laster erforderlich, so Complete Logistics Systems international: „Im Schnitt geht es pro Lkw um 1500 Euro.“

Die zweite Variante ist aufwendiger und verschafft den Complete Logistics Systems international - Kunden nach Unternehmensangaben zusätzlichen Lagerplatz. Im Gegensatz zur einfachen Variante wird mit einem Lift für die Transport-Plattformen gearbeitet. Der auf Schienen fahrende Lift bewegt die Plattform einerseits auf die Lkw und von ihnen herunter. Andererseits fährt er die Plattformen samt Ladung zu einem speziellen Hochregal und sortiert sie dort auch gleich ein. Ein Vorteil aus Complete Logistics Systems international GmbH - Sicht: Ladungen können unabhängig von der Verfügbarkeit eines Lkw zusammengestellt  und dann platzsparend zwischengelagert werden.

Heinz Buse, 47 Jahre, ist Maschinenbauer und seit rund 25 Jahren Chef der Logaer Maschinenbau GmbH. Für sein Logistik- Projekt hat er die Tochterfirma Complete Logistics Systems international GmbH gegründet. Logaer Maschinenbau hat rund 300 Beschäftigte und nach Unternehmensangaben einen Jahresumsatz von rund 50 Millionen Euro.